Let’s talk about: Abschied nehmen von der Gastfamilie

In einer Woche ist es soweit. Ein bisschen Angst habe ich schon vor dem Tag. Alleine wenn ich daran denke, kommen mir manchmal ein paar Tränen. Worum es geht? Abschied nehmen.

Ich glaube man versteht erst wirklich, wie man sich in dieser Situation fühlt, wenn man es selber einmal durchmachen muss. Tatsache ist allerdings, dass ich in Deutschland wusste, ich werde meine Familie und meine Freunde ganz bald wiedersehen. Hier stehe ich nun und frage mich: werde ich jemals jemanden irgendwann irgendwo wiedersehen? Oder lasse ich mein Leben, das ich hier gelebt habe, einfach komplett zurück? Auch wenn es „nur“ 8 Monate in meiner Gastfamilie war, kann ich diese Leute meine zweite kleine Familie nennen.

Mir war nicht klar, dass man ein fremdes Kind so aufrichtig und sehr lieben kann, wie ich es mit Jasper tue. Wir hatten so eine intensive Zeit zusammen (jeden Tag von morgens bis abends) und er hat einfach eine riesige Entwicklung durchgemacht. Er hat gelernt auf die Toilette zu gehen, sich alleine anzuziehen und wie er sich alleine beim schaukeln Anschwung gibt. Das mag nach Banalitäten klingen, wir haben aber jede Kleinigkeit zusammen erlernt und ich war jedes Mal so unfassbar stolz und habe mich mit ihm gefreut. Er ist in den Kindergarten gekommen und berichtet mir jeden Tag mit strahlendem Augen, was er gemacht hat. Wir haben ganz viele imaginäre Spiele zusammen gespielt: mal waren wir auf Safari (ich bin mir sicher, die Nachbarn halten uns für verrückt) mal auf einem Boottrip, und manchmal hatte er ein eigenes Restaurant und ich wurde „bekocht“. Ich habe ihn jeden Tag schlafend aus dem Auto getragen, seine Lieblings-Smoothies gemacht. Mit ihm seine heiß geliebten Schokoladenbrownies gebacken. Ich werde es so vermissen, wenn er mit seinem Spielzeug spielt und einfach allen Gegenstände eine Stimme gibt. Wenn er ganz laut Hilfe geschrieen hat und ich panisch zu ihm gerannt bin, nur um festzustellen, dass er gerade mit seinem Feuerwehrauto ein Legofigur rettet. Er hat so viel Fantasie und ich liebe es ihm bei Spielen zu beobachten und ihm vorzulesen. Ich werde es vermissen, wenn er müde wurde und anfangen hat sich anzukuscheln und mit meinen Haaren zu spielen. Oder mir meinen Rücken massiert hat, nur um dann zu verlangen, dass ich seinen Rücken auch massiere. Dieses verschmitzte Grinsen, das tiefe Lachen, und die dunkelbraunen, ja fast schwarzen Augen mit seinen langen Wimpern, die mich immer so tiefgründig angeschaut haben. Gott, wie habe ich den kleinen Kerl in meinen Herz geschlossen. Ständig hat er ganz leise ins Ohr geflüstert: Katie, I love you to the moon and back. Und ja Jasper, dich liebe ich auch, mindestens zwei Mal zum Mond und zurück!

Auch Archie habe ich so unfassbar in mein Herz geschlossen, auch wenn unsere Beziehung einer Achterbahn glich. Trotz all seiner Stimmungsschwankungen und Wutanfälle hat er mir so viel Liebe geschenkt, mir tausende Umarmungen gegeben. Ständig musste ich Kussattacke über mich ergehen lassen 😀 Trotz seiner 5 Jahre ist er schon so erwachsen, hatte auf alles eine Antwort parat, hat immer meine Aussprache verbessert (er ist so britisch 😀 ) und wusste immer wo alles im Haus war. Wir hatten nicht ganz so viel Zeit zusammen, wie ich es mit Jasper hatte, da er nur morgens und nachmittags zuhause war während ich gearbeitet habe. Er ging den Tag über immer in den Kindergarten und seit ein paar auch Wochen auch in die Schule. Er hat mich immer wieder mit seinem Wissen über so viele Themen beeindruckt und war so unfassbar stolz, wenn er mir etwas erzählen konnte, wovon ich noch nichts wusste. Und so oft hat er mich zum lachen gebracht und mir im Haushalt geholfen. Ein Kind, was es liebt, Wäsche aufzuhängen oder zu saugen, will doch jeder haben oder nicht? Wenn es eine Sache gab, mit dem ich ihn bestechen konnte, dann war es Schokolade und es gab auch keinen glücklicheren Archie, als wenn es irgendetwas schokoladiges gab – Die Leidenschaft haben wir geteilt 😀 Ich kann mich noch ziemlich genau an meinen zweiten Tag erinnern. Wir saßen auf dem Boden in seinem Zimmer und haben gepuzzelt und auf einmal ist er mir um den Hals gefallen und hat gesagt: I am so happy you’re here. I love you, Katie. Und ab dem Moment war das Eis gebrochen und ich wusste, hier in dieser Familie bin ich richtig. Dieser kleine Moment hat so viel ausgemacht und für mein Auslandsjahr so viel bedeutet.

Aber nicht nur die Jungs werde ich vermissen, sondern auch Abi und Lauch, die mich so herzlich empfangen und in ihrer Familie aufgenommen haben. Ständig saßen wir abends auf der Terrasse und haben Wein getrunken, über Gott und die Welt geredet und gelacht. Sie haben mich gleichzeitig in ihr Familienleben eingebunden, mir aber auch jeden Freiraum gegeben, was ich sehr wertschätze. Auch wenn mein Job anstrengend war, hat es mir viel Spaß gebracht und ich werde alles vermissen.

Ich weiß gar nicht richtig, wie ich meine Situation in Worte fassen soll. Es fühlt sich an, als würde ich einen kleinen Teil von mir hier am anderen Ende der Welt lassen, ohne zu wissen, diesen Teil jemals wiederzubekommen. Ich habe hier ein komplett anderes Leben gelebt und nur Hanjo werde ich aus diesem Leben wieder mit zurück nach Deutschland nehmen. Auf der einen Seite freue ich mich auf zuhause, auf der anderen Seite bricht es mir das Herz. Neuseeland liegt schließlich nicht um die Ecke und diese Ungewissheit macht mich unfassbar traurig. Das Gefühl ist so leer und doch so überwältigend. Das hört sich bestimmt mega komisch an, aber so ist es irgendwie.

Nicht nur meine Gastfamilie, sondern auch meine Freunde lass ich hier. Natürlich habe ich auch ein paar Deutsche kennengelernt, eine Freundin wohnt zu Beispiel nur eine halbe Stunde von Zuhause entfernt, aber mein richtig enger Freundeskreis, das sind Leute, die auch sehr weit weg entfernt leben: San Diego, Pennsylvania, Chicago, eigentlich Helsinki, aber bald Brisbane in Australien. Natürlich hoffe ich auf ein Wiedersehen, aber auch das ist ungewiss und steht in den Sternen.

Dieses Auslandsjahr hat mir so viel gegeben, ich habe so viel über mich und mein Leben gelernt, Einstellungen geändert, bin offener geworden, abenteuerlustiger und habe ein bisschen mein Drang zum Überorganisieren und alles Perfekt machen unterdrücken können. Ich will nachhause. Ich will hierbleiben. Ich will meine Familie sehen. Ich möchte meine Familie nicht verlassen. Ich möchte nach Deutschland mein altes Leben wiederhaben. Ich möchte in Neuseeland bleiben und mein neues Ich sein. Der struggle ist real. Ich weiß, dass das alles einmalig war und es nie wieder so sein wird, wie es war. Selbst, wenn ich wiederkommen sollte, wird sich so viel verändert haben und meine Freunde alle wieder in ihrem richtigen Zuhause sein.

Abschied nehmen ist einfach blöd. Und vielleicht noch blöder, als es damals in Deutschland war.

 

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2 Comments

  1. icelandexploration

    Ich fühle deinen Text glaube ich so, weil es mir wahrscheinlich auch so ergehen wird. Als du von deinen Jungs erzählt hast, hatte ich meine beiden vor Augen und in solchen Momente merkt man extrem, wie sehr man sie liebt.
    Ich hoffe, du nimmst das Beste daraus mit und wenn man sich anstrengt, dann klappt das auch mit dem Kontakt halten 🙂

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  2. Katharina

    Es ist auch wirklich schwer. Egal, wie hart und anstrengend es manchmal war und auch wenn es eine Hass-Liebe mit dem Job gewesen ist, die Kinder schenken einem einfach so viel Liebe und man verbringt ja schon eine lange und intensive Zeit mit der Familie. Hinzu kommt, dass man in einer „Ausnahmesituation“ ist – alleine für lange Zeit am anderen Ende der Welt, dadurch wird die Beziehung glaube ich noch stark intensiviert bzw. die hat halt einfach eine sehr große Bedeutung für einen. Ich hoffe bei dir läuft alles glimpflich ab !!

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